Selbsttest: 2 Wochen ohne Gluten

Nachdem ich die interessanten Beiträge „Was ist Gluten?“ und den Selbsttest von Michaela gelesen hatte, wollte ich den Test selbst mal durchführen. Was ich mir davon verspreche? Ich bin vor allem gespannt darauf welche Unterschiede ich in oder nach dieser Zeit ohne Gluten verspüren werde. Ich habe öfter davon gehört, dass man durch Gluten-Verzicht mehr Energie haben soll. Darüber würde ich mich am meisten freuen, da ich mich öfter schlapp fühle. Das kann natürlich viele Gründe haben, z.B. dass ich zu viel am Computer sitze (ca. 8-10 Std. am Tag) aber vielleicht wird es durch die Ernährung ohne Gluten etwas besser werden.

In den nächsten 14 Tagen werde ich komplett auf Gluten verzichten und meine Erfahrungen und Ergebnisse in diesem Post mit euch teilen. Falls ihr auch schon mal so einen Test durchgeführt habt oder sogar ganz ohne Gluten lebt, würde ich mich sehr über eure Kommentare freuen.

14 Tage ohne Gluten, die Reise beginnt

1. Tag ohne Gluten (Montag, 29. Juni)

Ich kam gestern vom Urlaub zurück und hatte nicht entsprechend eingekauft. Ich hatte Müsli und Vollkorn Haferflocken zu Hause, aber da stand nicht Glutenfrei drauf. Ich war mir nicht ganz sicher und habe Michaela angerufen. Sie bestätigte mir, dass diese Produkte Gluten enthalten. Also machte ich mir ein Omelett mit Salami und Tomaten. Mittags fuhr ich dann zum DM und kaufte mir folgende glutenfreie Produkte:

Glutenfreies Einkaufen

Mais Amaranth Waffeln, Knusperbrot, Müsli und Fladenbrot von Schär sowie eine Packung Falafel von Alnatura. Das war mein erster glutenfreier Einkauf, deswegen hat es etwas gedauert und verhältnissmäßig teuer! Aber es ist ja kein Geheimnis, dass eine gesunde Ernährung wirtschaftlich gesehen nicht günstig ist. Aber wer in Sachen Gesundheit spart, spart an der falschen Stelle. Gerade macht meine Frau Garnelen mit Zwiebeln. Normalerweise würden wir ein leckeres Baguett zum eintunken verwenden aber heute gibt es den glutenfreien Fladenbrot als Alternative. Heute Abend werden wir einen Salat machen und dazu die tollen glutenfreien Maiskracker essen.

Achja, für die glutenfrei-Anfänger: Es gibt ein Logo auf allen Produkten, die glutenfrei sind. Es steht nämlich nämlich nicht ausgeschrieben „glutenfrei“ sondern nur das offizielle Logo:

Glutenfrei Logo

2. Tag ohne Gluten (Dienstag, 30. Juni)

Nachdem ich den ersten Tag gut ohne Gluten überstanden hatte, war ich gespannt wie es am zweiten Tag werden würde. Zum Frühstück gab es Quark mit Joghurt kombiniert mit frischem Obst und glutenfreiem Müsli. Schmeckte nicht ganz so gut wie die Standard-Cerealien aber durch das frische Obst super erfrischend!

Mittags war ich mit Kollegen aus dem Büro beim Griechen nebenan. Ich war gespannt ob die glutenfreie Gerichte anbieten und ob sie überhaupt wissen was genau glutenfrei bedeutet. Als ich den jungen Kellner fragte welches der Mittagsgerichte ohne gluten sei, sah er mich verwundert an und musste Rücksprache mit der Küche halten. Er kam zurück und meinte ich könnte die Grillplatte nehmen aber ohne Zaziki, weil da Gluten drin sei. Ich wunderte mich wieso da drin Gluten sein sollte? Als der Restaurantbesitzer kam fing er auch an mich zu beraten was ich essen soll und behauptete, dass in allen Gerichten die mit Sahne zubereitet werden Gluten beinhaltet sei. Ich glaube die haben das wohl mit Lactose verwechselt. Ich bestellte dennoch sicherheitshalber Fisch mit Gemüse und musste neidisch zusehen wie meine Kollegen die leckere Grilllplatte aßen 🙂 Dann kam am Ende das Desert, Panna Cotta, und der Kellner nahm meins zurück weil da laut denen auch wieder Gluten drin sei. Ich bekam stattdessen total eklige Süßkirschen aus der Dose. Zu dem Griechen gehe ich nicht mehr hin, egal mit oder ohne Gluten hat der keinen guten Eindruck hinterlassen. Ich frage mich dennoch, wie viele Restaurants wirklich wissen was Gluten ist und auch glutenfreie Gerichte zubereiten.

Abends gingen wir mit den Kollegen zum Dönerladen und ich bestellte mir einen Döner-Teller ohne Brot. Ich wurde auf jeden Fall satt, auch ohne Brot!

3. Tag ohne Gluten (Mittwoch, 1. Juli)

In der Früh gab’s Raiscracker mit Wurst und Käse. Als glutenfreier Brotersatz sind die Dinger schon nicht schlecht, es wäre aber schön wenn die nicht so viel Kohlenhydrate hätten. Die glutenfreien Brote von Schär schmecken auch ganz gut, aber man merkt schon das sie von der Konsistenz anders sind. Der Preis ist aber echt ein Argument! Wenn man die Produkte mit normalen Weizenprodukten vergleicht, merkt man den krassen Preisunterschied.

Mittags hat meine Frau Lachs mit Gemüse und Kartoffeln gemacht. Das ganze natürlich ohne Brot. Hier habe ich nichts vermisst, weil es eine ganz normale Mittagsmahlzeit war.

Am Abend wollten wir zum Biergarten „Steckerlfisch“ essen, aber da war es so voll dass wir entschieden haben etwas aus dem Supermarkt zu kaufen und es im Park zu essen. Wir gingen zum Edeka, der bei uns ist etwas größer. Ich war mir nicht sicher, ob die Supermärkte überhaupt glutenfreie Produkte verkaufen, da ich bisher nie auf sowas geachtet hatte. Es gab einen kleinen Regal mit glutenfreien Produkten, darunter natürlich ganz viel von der Firma Schär. Wir wollten Brotzeit machen, deswegen kaufte ich mir dunkles Brot. Fünf Scheiben kosten 2,99 €! Dazu gab es Käse und Wurst. Auch hier habe ich nicht wirklich was vermisst.

Fazit nach dem dritten Tag ohne Gluten:
Glutenfrei leben ist zwar nicht ganz so schwierig wie Low-Carb, weil man dabei nicht auf alles verzichten muss. Aber es macht alles komplizierter. Im Restaurant und beim Einkaufen muss man nachfragen bzw. genau darauf achten ob Gluten enthalten ist oder nicht. Es macht’s auch schwerer beim Einkaufen, weil auf den meisten Produkten nicht klar drin steht ob Gluten enthalten ist oder nicht! Im Zweifel darf man das dann doch nicht essen. Von meinem Wohlbefinden her spüre ich noch keinen großen Unterschied. Ich bin morgens beim Aufwachen nicht mehr so müde und am Abend fühle ich mich auch etwas fitter, bin mir aber nicht 100% Sicher ob es am Glutenverzicht liegt.

4.-7. Tag ohne Gluten (2. – 5. Juli)

Diese Tage verliefen auch wie gehabt mit den glutenfreien Mahlzeiten am Morgen und halt Eier, Würstchen etc. Beim Frühstücken musste ich bisher auf leckere Semmeln oder Brenz verzichten, aber ansonsten war es total easy.

Beim Mittagessen wird es schon eher schwierig ohne Gluten, vor allem bei der aktuellen Hitze! Mal ’n kühles Blondes zum Abkühlen durfte ich leider nicht. Meine Annahme wurde aber wieder bestätigt, als ich beim Asia Imbiss glutenfrei bestellen wollte und die nicht wussten was das sein soll. Freunde, Familie und Kollegen (die meisten aus Armenien) waren auch verwundert was Gluten sei und dachten ich mache das um abzunehmen. Ich muss zugeben, dass ich auch nicht zu 100% verstanden habe was es ist und deswegen fällt es mir auch schwer genau zu erklären (vor allem in anderen Sprachen) was Gluten ist. Bei einer Mahlzeit hatte ich glutenfreies Fladenbrot gegessen, aber das schmeckte wirklich eklig. Ich weiss nicht was es war, aber es so komisch drauf zu beissen. Ich hab es dann schließlich weggeschmissen. Eigentlich schade, weil es immerhin ca. 3 € gekostet hatte und optisch ganz lecker aussah.

Abends gab es oft Salat oder Fleisch. Einmal waren wir beim Vietnamesen und ich habe gefragt ob sie glutenfreie Gerichte anbieten. Der Kellner sagte, ich muss es nur sagen dann machen sie es ohne Gluten. Also bestellte ich mir glutenfreie Ente mit Erdnuss-Soße. Meine Frau hatte sich panierte Garnelen bestellt. Und dann ist es passiert! Wie’s halt so ist, will man mal durchprobieren also ließ meine Frau für mich was von der panierten Garnele übrig. Und ich habe, ohne darüber nachzudenken, reingebissen. Es sassen noch zwei freunde mit am Tisch und keinem ist es aufgefallen (nichtmal Michaela, die mich zum Thema glutenfrei leben berät 🙂 Erst Nachts vorm schlafen gehen fiel es mir ein. Dooooh, die Garnele was mit der Panade natürlich voll mit Gluten! Mist, aber naja es war keine Absicht. Es war auch ganz wenig.

Am Sonntag haben wir mit Freunden und Familie gegrillt. Es gab leckere Armenische BBQ. Zum Glück ist in Fleisch kein Gluten 🙂 Es gab auch jede menge Brot, wie es sich bei einem armenischen Festmahl gehört. Wir hatten kein glutenfreies Brot gekauft, also musste ich darauf verzichten. Auch beim Dessert musste ich verzichten, da es Kuchen und Muffins gab. Etwas gutes hat glutfreies leben auf jeden Fall: wenn es nicht zufällig glutenfrei ist, musst du darauf verzichten. Also z.B. beim Brot! Also Dinge, die ich normalerweise sofort essen würde kommen nicht in Frage und als Nebeneffekt ernährt man sich low-carb. Das ist aber kein Freifahrtsschein, da sich immerhin in dingen wie Schokolade und Chips in den meisten Fällen auch kein Gluten befindet, aber dafür ne menge Carbs! Also aufgepasst.

Eine Woche ist um, eine Woche ist noch zu bewältigen. Ich fühle mich nach der ersten Woche schon etwas fitter aber wie gesagt nicht wirklich sicher ob’s am Glutenverzicht liegt. Mal sehen wie die zweite Woche wird. So jetzt geniesse ich meine gluten-free Frühstück!

8. – 12. Tag (6 – 10 Juli)

Die restliche Woche ging im gleichen Stil weiter. Ich hatte mich schon daran einigermaßen gewöhnt und aß jeden Tag meine glutenfreien Produkte ohne wenn und aber. Am 13. Tag jedoch entschloss ich meinen Selbsttest zu Beenden! Der Grund dafür war, dass ich mir mal wieder eine Pizza gönnen wollte und es auch genug war mit dem glutenfreien Lifestyle. Ich hatte mich in den knapp 2 Wochen etwas leichter gefühlt, aber einen Riesenunterschied konnte ich nicht bemerken.

Mein Fazit nach den 2 Wochen ohne Gluten:

Für jemanden der noch nie auf glutenfreie Essen geachtet hat, ist es ziemlich umständlich glutenfrei zu leben, zumindest am Anfang. Am schwierigsten fand ich das Einkaufen im Supermarkt, da man jedes Produkt genauer anschauen muss um sicherzustellen dass auch kein Gluten enthalten ist. Bzw. muss man sich Produkte aus der glutenfreien Abteilung kaufen. Diese Produkte sind jedoch verhältnismäßig teuer und schmecken auch nicht so gut. So kostet z.B. ein glutenfreies Fladenbrot doppel so viel wie normales und schmeckt nur halb so gut 🙂

Es lässt sich auf jeden Fall aushalten und man bleibt nie wirklich Hungrig. Aber dieses ständige darauf achten ist schon nervig. In vielen Restaurants wissen die Kellner nicht was glutenfrei bedeutet. Ich befürworte es definitiv dass man schon darauf achten sollte was man isst! Aber dieser Zwang und ständige Einschränkung ist nicht gut für die Psyche finde ich (zumindest für meine 🙂 Ich habe seit dem glutenfreien Selbsttest die Zunahme von Lebensmitteln mit hohem Kohlenhydrateanteil deutlich reduziert! Abgenommen habe ich in der zeit nicht wirklich.

Es war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung für mich und es hat mir sicherlich nicht geschadet, aber auch nicht sonderlich besser fühlen lassen. Anscheinend habe ich keine Gluten-Allergie oder Intoleranz 🙂 Ich werde in Zukunft sicherlich nicht mehr auf „Glutenfrei“ labels achten aber wenn ich es irgendwo lese, weiss ich genau was es bedeutet! Falls du es auch mal ausprobieren möchtest, kann ich dich nur ermutigen es zu probieren. Es erweitert deinen Horizont und könnte sogar einen positiven Effekt bringen.

Falls du auch schon Erfahrungen bezüglich Gluten gesammelt hast, würde ich mich sehr über deine Einblicke freue. Unten kannst du deine Kommentare posten.

Petros Dolaschjan

Über Petros Dolaschjan

Ich beschäftige mich seit meinem zwölften Lebensjahr mit IT. Zugegeben, damals als Kind noch mehr mit Spielen aber bereits mit sechzehn Jahren hatte ich mein erstes Spiel programmiert. Und zwar das beliebte Nokia-Game Snake (in Visual Basic). Nach erfolgreichem Abschluss meiner Lehre als Fachinformatiker habe ich sehr viel Erfahrung in Softwareentwicklung, Projektmanagement, System Administration und mehr gesammelt. Seit kurzer Zeit habe ich mich entschlossen mich selbstständig zu machen und versuche meine ersten Erfolge in Online Marketing zu erzielen. Gemeinsam mit meinen Teamkollegen und Freunden Michaela und Tom möchte ich mikrofit.de zu einer der führenden online Magazinen rund um das Thema Mikronährstoffe und Gesundheit zu etablieren. Ich kümmere mich primär um die Technik sowie auch Online Marketing. Spaß an der Arbeit und zufriedene Mikrofit follower sind meine wichtigsten Ziele!

4 Kommentare

  1. Hallo Petros,
    es freut mich, dass ich dich angesteckt habe 😉

    Hier noch eine kurze Erklärung zu Gluten und Hafer:
    Manchmal kann man lesen, dass man bei einer glutenfreien Ernährung Hafer und Haferprodukte essen darf, da nur geringe Mengen Gluten enthalten sind.
    Laut der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft (DZG) sollen ein Großteil, der Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit eine Menge von bis zu 50 Gramm reinen Hafer pro Tag ohne Probleme essen können. Problematisch ist aber, dass Hafer häufig mit anderen Getreidesorten kontaminiert ist, was dann höhere Anteile an Gluten führen kann. Möchte man auf Nummer sicher gehen, sollte man lieber auf Hafer verzichten, auch das die Toleranzschwelle des einzelnen sehr unterschiedliche sein kann. Wer „nur“ unter eine Sensibilität von Gluten leidet, kann es einfach austesten, wie er auf Hafer reagiert. Merkst Du keinen negativen Effekt, kannst Du Deine Ernährung um Haferprodukte erweitern.

    Liebe Grüße
    Michaela

  2. Homestory
    Vegane Grillschnecken

    Von Gutsch, Jochen-Martin

    Warum einem Leute, die ständig über ihre Ernährungsumstellung reden, auf die Nerven gehen

    Vor ein paar Tagen war ich zum Grillen eingeladen. Ich brachte ein paar schöne Thüringer Rostbratwürste mit, aber der Gastgeber schaute mich nur traurig an und sagte: „Oh, Bratwürste. Wir essen eigentlich kein Fleisch mehr.“

    Statt Wurst und Fleisch gab es haufenweise Maiskolben, Grillgemüse, Grillkäse, Zanderfilets in Alufolie und ein paar Grillwürste von „Lord of Tofu“ und die „Veganwurst Grillschnecke“.

    Wir haben unsere Ernährung umgestellt, sagte der Gastgeber. Und schaute stolz zu seiner Frau. Fisch ja, Fleisch nein. Auch kein Weizen mehr. Er sprach dann lange über die Gründe und wie viel besser jetzt alles sei: das Gewicht, das Körpergefühl, das Gewissen.

    Ernährungsumstellung ist ein gesellschaftlicher Trend und in meinem Bekanntenkreis sehr in Mode. Irgendjemand wird immer gerade Veganer, Vegetarier, Flexitarier oder lebt nun laktosefrei oder zuckerfrei oder nach 18 Uhr kohlenhydratfrei.

    Manchmal fühle ich jetzt einen Druck, auch mal was umzustellen. Damit ich nicht wirke wie der letzte Allesfresser. Ich esse immer noch den gleichen Kram wie vor Jahren. Mehr Bio, ja. Und kaum noch Leberwurst, wegen des Fettes. Dabei liebe ich Leberwurst, gerade die fette.

    Wenn ich ehrlich bin, habe ich aber überhaupt keine Lust, irgendwas umzustellen. Es ist sogar so, dass mir dieser Ernährungszeitgeist, bei dem man immer irgendwas nicht mehr isst, dessen wichtigstes Genusswort ein riesiges OHNE ist, unglaublich auf die Nerven geht.

    Selbst Kinder reden heute angestrengt über Ernährung. Vor ein paar Tagen stand vor mir in der Bäckerei ein Junge, vielleicht zehn Jahre alt, und fragte die Verkäuferin: Ist das Brot vegan?

    Als ich zehn Jahre alt war, wusste ich gar nicht, was das ist: ein Veganer. Jemand aus der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“? Jemand wie Mister Spock?

    Ich wuchs auf in den wurst- und fleischlastigen Siebziger- und Achtzigerjahren. Wollte ich als Kind ein belegtes Brot nicht essen, sagte meine Mutter: Denk an die Kinder in Afrika! Oder: Junge, dann iss doch wenigstens die Wurst! Aß ich ein Mittagessen nicht auf, rief sie: Junge, dann iss doch wenigstens das Fleisch!

    Es waren ernährungsmäßig sicher nicht die besten und gesündesten Zeiten. Aber unsere Haltung dem Essen gegenüber war eigentlich ganz gesund. Damals galt: Essen ist Nahrung. Etwas gegen den Hunger. Oder für den Appetit. Oder den Genuss. Essen ist keine Ideologie, kein politisches Bekenntnis. Und vor allem: kein Lifestyle.

    Ich finde es natürlich völlig okay, wenn jemand seine Ernährung umstellt. Warum nicht. Andere stellen ihre Möbel um.

    Anstrengend finde ich die Show. Ernährungsumstellungen werden ja nicht einfach so gemacht. Sie werden verkündet wie früher eine Verlobung, eine Schwangerschaft oder der erfolgreiche Drogenentzug. Wir essen kein Brot mehr! Wir ernähren uns jetzt ayurvedisch!

    Sehr beliebt sind anscheinend Intoleranzen. Sie gehören fast zum guten Ton, ernährungsmäßig. Ich habe Bekannte, die ihre Ernährung auf glutenfrei umgestellt haben. Zwar wurde bei ihnen nie eine Unverträglichkeit festgestellt, aber das ist auch völlig egal. Gluten hat einfach dieses totale Schreckens-Image. So wie die Stasi oder Nordkorea.

    Die Supermärkte sind voll mit laktosefreier Milch. Millionen Liter, die vor allem Menschen trinken, die keine Laktoseprobleme haben. Aber man kann ja nie wissen. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn schlaue Geschäftsleute nun auf die Idee kommen, bald auch Gurken, Hosen oder Gardinenstangen anzupreisen als: garantiert laktosefrei.

    Einen Satz, den ich von Ernährungsumstellern immer wieder höre, ist: Was kann man denn heute überhaupt noch essen? Wegen der Lebensmittelskandale, der Massentierhaltung, der Antibiotika, der Keime. Sie vertrauen der Nahrung nicht mehr. Das verstehe ich gut.

    Aber wenn die Klage sehr laut wird und gar nicht mehr endet, dann möchte ich ihnen sanft auf den Kopf klopfen und sagen: Du kannst alles essen. Sogar Steaks aus Japan, Kirschen aus Südafrika. Wir leben im Essensparadies. Deine Ernährungsumstellung – das ist ein Wohlstandsprivileg. Stellt irgendjemand in Syrien die Ernährung um? Also halte für einen Moment mal die Klappe, bitte.

    Ernährungsumsteller, das ist meine Erfahrung, reden sehr gern über ihre Ernährungsumstellung. Und was sie da gerade erleben, wie die Verdauung reagiert. Und dass sie nun auch viel besser schlafen. Überhaupt leistungsfähiger sind, frischer. Selbst die Haut sehe jetzt anders aus. Auch frischer. Eine Ernährungsumstellung ist in diesen Geschichten nie Verzicht, sondern immer nur Lebensverbesserung. Die Simone und ich – wir essen jetzt keinen Weizen mehr. Und wir vermissen nichts!

    Niemand sagt, dass er was vermisst. Kein Brot, kein Fleisch, keine Eier.

    Die Ausnahme sind meine Eltern. Sie sind recht betagt und dürfen aus gesundheitlichen Gründen allerlei Dinge nicht mehr essen. Sie werden sehnsüchtig, wenn sie an verbotene Speisen und Früchte denken. Und ich ahne: Die Ernährungsumstellung kommt früh genug. Wegen des Bluthochdrucks oder der Diabetes oder des Darms. Falls man im Alter noch einen hat.

    Ein Freund, der eine Zeit lang Vegetarier war, isst jetzt doch wieder Fleisch. Es hat irgendwie nicht funktioniert, das Vegetarierleben. Er isst nun wieder das, was er vorher gegessen hat. So hat er das aber nicht formuliert. Er hat gesagt: Freunde, ich stelle meine Ernährung um.

    • Hallo Anastasia,

      vielen Dank für deinen Beitrag 🙂
      Da ich aus gesundheitlichen und auch zum Selbstversuch verschiedene Ernährungsformen und Diäten (z.B. Diät wegen Candida Albicans) ausprobiert habe, muss ich sagen, dass ich durchaus dann so einiges vermisst habe 😉 Gerade meine Frühstücksbutterbreze (aus bösem Weizen mit noch böserer (falls es das Wort gibt ;-)) nicht veganer Butter;-)) fehlt mir persönlich recht schnell.
      Ich persönlich es immer interessant, wenn mir jemand von seinen Erfahrungen in Bezug auf Ernährung erzählt und auch vielleicht ein paar gute Rezepte zum Nachkochen hat. Auch weil ich finde, dass es irgendwie meinen „Ess- und Kochhorizont“ erweitert und ich nach einer zucker- und obstfreien Zeit z.B. überrascht bin wie süß eigentlich Erdbeeren schmecken.

      Anderes herum sind eigentlich die meisten Leute auch immer sehr interessiert, was ich denn gerade esse. Leider macht es das ganze basisch/vegetarisch/vegan/gutenfrei/zuckerfrei/histaminfrei/laktosefrei doch für einen selber und auch andere oft etwas ungemütlich und zum Kochen oft etwas kompliziert. Hier macht es natürlich einen großen Unterschied, ob jemand z.B. unter Zöliakie oder Laktoseintoleranz leidet oder eher einem Trend hinterherläuft.
      Liebe Grüße und schöne Feiertage
      Michaela

  3. @Anastasia:
    Danke für den Artikel von Jochen-Martin Gutsch! Kannte ihn noch nicht. Er spricht mir wirklich aus der Seele!

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